Post by harald c. greierWie lautet doch bitte nochmal die Regeln mit "durch 6" und "durch 2"
teilbar (oder so ähnlich), du hast das schon mal irgendwann erklärt.
Damit kommt man "noch genauer" ran als mit unserem Gregor, nicht :)
Die mittlere Länge des tropischen Jahres und damit die Zielvorgabe
für einen tropisch orientierten Kalender beträgt ja 365.24219 Tage.
Der Julianische Kalender hat Gemeinjahre von 365 Tagen und fügt alle
vier Jahre ein Schaltjahr ein, kommt damit auf eine mittlere Jahres-
länge von 365.25 Tagen; sein Kalenderjahr ist daher ca. 11 Minuten
zu lang. Nach 128 Jahren hat sich der Kalender um einen Tag verscho-
ben.
Der Gregorianische Kalender fügt ebenfalls alle vier Jahre ein
Schaltjahr ein, läßt Hunderterjahre aber nur schalt sein, wenn
sie glatt durch 400 teilbar sind. Damit fallen gegenüber dem
Julianischen Kalender in 400 Jahren drei Schalttage weg und die
mittlere Länge des Kalenderjahres beträgt (400*365.25 - 3)/400 =
365.2425 Tage. Das ist nur noch ca. eine halbe Minute zu lang;
dieser Fehler braucht gut 3000 Jahre, um auf einen Tag anzuwach-
sen.
Die orthodoxen Kirchen führten 1923 auf Anregung von M. Milanko-
witsch, dem wir auch die Eiszeiten verdanken, eine andere Schalt-
regel ein: Schaltjahre finden nach wie vor alle vier Jahre statt,
mit Ausnahme wiederum der Hunderterjahre, die jetzt aber nur dann
Schaltjahre sind, wenn die Hunderterzahl bei Division durch 9
den Rest 2 oder 6 läßt. 2800 (Gregorianisches Schaltjahr) ist
daher kein orthodoxes Schaltjahr (28/9 = 3 Rest 1), während 2900
(Gregorianisches Gemeinjahr) ein orthodoxes Schaltjahr ist
(29/9 = 3 Rest 2). Im Laufe von 900 Jahren fallen gegenüber dem
Julianischen Kalender also 7 Schalttage weg, die mittlere Jahres-
länge beträgt demnach (900*365.25 - 7)/900 = 365.24222 Tage
und unterscheidet sich nur noch um zwei oder drei Sekunden vom
astronomischen tropischen Jahr. AFAIK wird dieser Kalender nur
innerkirchlich für religiöse Zwecke verwendet.
(Milankovitsch, M.: Das Ende des julianischen Kalenders und der
neue Kalender der orientalischen Kirchen. Astronomische Nachrich-
ten., 220, 379-384, 1924)
Die Motivation könnte etwa so ausgesehen haben: der Fehler des
Julianischen Kalenders beträgt ca. 1/128.04 Tag/Jahr.
Eine Reihe von schrittweise besseren Näherungsbrüchen mit Hun-
derterzahlen im Nenner ist (sofern ich keine übersehen habe):
1/100, 2/300, 3/400, 7/900, 18/2300, ...
Wenn man die Korrektur gegenüber dem Julianischen Kalender auf
die Jahrhunderterjahre beschränken will, dann kann man daher in
hundert Jahren ein Schaltjahr weglassen, oder besser in dreihun-
dert Jahren zwei, oder noch besser in vierhundert Jahren drei,
oder noch besser in neunhundert Jahren sieben, oder noch besser
in 2300 Jahren 18 etc.
Milankowitsch entschied sich dafür, in neunhundert Jahren sieben
Schaltjahre wegzulassen; dabei bietet es sich wie im Gregorianischen
Fall an, eine Teilbarkeitsregel zu verwenden: es sind zwei Teiler-
reste auszuwählen, bei denen das Jahr Schaltjahr sein darf, die
sieben anderen Reste ergeben ein Gemeinjahr. Den ersten Rest kann
man so wählen, daß das betreffende Jahr sowohl ein orthodoxes als
auch ein Gregorianisches Schaltjahr ist. Das erste auf 1923 folgende
Hunderterjahr war 2000, also lassen wir beim Rest 2 ein Schaltjahr
zu (20/9 = 2 Rest 2), damit die Kirchen gleichermaßen ein Schalt-
jahr haben und nicht gleich wieder in Konflikt geraten. Den zweiten
verfügbaren Rest lassen wir vier Einheiten später folgen (2+4=6),
dann tritt das nächste zugelassene Schaltjahr nach vierhundert Jahren
auf und wir sind immer noch mit den Gregorianern konform. Damit sind
die verfügbaren Reste verbraucht, und 2800 ist ein Gregorianisches
Schaltjahr, aber kein orthodoxes; das folgt erst 2900.
Die Folge der Hunderterjahre ab 2000 sieht so aus (S=schalt, .=gemein):
Greg.: S...S...S...S...S...S...
Orth.: S...S....S...S....S...S.
Freilich nützt all das herzlich wenig, weil das tropische Jahr ein
bewegliches Ziel ist. Seine Länge nimmt derzeit um ca. eine halbe
Sekunde pro Jahrhundert ab, so daß es auch aus dem orthodoxen Kalen-
der mit zunehmender Geschwindigkeit wegdriftet. Für zusätzliche Fein-
heiten, verursacht durch die langfristig veränderliche Tageslänge
und die Definition des tropischen Jahres siehe J. Meeus, "More
Mathematical Astronomy Morsels", S. 357. Demnach ist der Vergleich
der Gregorianischen Jahreslänge mit dem tropischen Jahr eigentlich
nicht richtig; es muß vielmehr mit der Zeitspanne zwischen zwei
Frühlingsäquinoktien verglichen werden (was genau genommen _nicht_
dasselbe ist), und hier fällt der Vergleich für das Gregorianische
Jahr nochmal deutlich günstiger aus.
Tschau,
Thomas
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Thomas Schmidt e-mail: ***@hoki.ibp.fhg.de